Neue Studie widerlegt das Hauptargument für private Krankenversicherungen

Eine unterschätzte Debatte

Viele Menschen fragen sich, wie das Gesundheitssystem funktioniert, wenn Wartelisten länger werden und der Bedarf an medizinischer Versorgung steigt. Die Frage, wer zuerst behandelt wird und wie die verfügbaren Ressourcen eingesetzt werden, beschäftigt längst nicht mehr nur Fachleute.

Gleichzeitig greifen immer mehr Menschen auf Lösungen zurück, die einen schnelleren Zugang zu Ärzten und Spezialisten versprechen. Für manche ist das schlicht ein Gefühl von Sicherheit – besonders dann, wenn sich der Gesundheitszustand plötzlich verändert.

Seit Jahren wird darüber gestritten, welchen tatsächlichen Einfluss private Krankenversicherungen auf das öffentliche Gesundheitssystem haben. Nun liefert neue Forschung Ergebnisse, die ein weit verbreitetes Argument ins Wanken bringen.

Mehr Versorgung insgesamt

Eine aktuelle Studie von Forschenden der Stockholmer Universität, der London School of Economics und der Universität Göteborg zeigt: Private Krankenversicherungen entlasten das öffentliche Gesundheitssystem offenbar nicht. Im Gegenteil – sie führen dazu, dass die gesamte Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen zunimmt.

Personen mit privater Krankenversicherung – die häufig vom Arbeitgeber bezahlt wird und vor allem unter Besserverdienenden verbreitet ist – gelangen deutlich schneller in die Facharztversorgung als vergleichbare Personen ohne Versicherung.

Die Forschenden konnten zudem beobachten, dass der frühere Zugang zur Facharztversorgung in bestimmten Fällen zu schnelleren Diagnosen führt – etwa bei Krebserkrankungen.

Allerdings zieht der schnellere Einstieg in die Versorgung im weiteren Verlauf der Behandlungskette mehr Untersuchungen, Therapien, Krankenhausaufenthalte und Medikamenteneinsätze nach sich. Dabei wird ein Großteil der entstehenden Mehrkosten nicht privat, sondern vom öffentlichen System getragen.

Kritische Fragen zur Systemgerechtigkeit

David Seim, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Stockholmer Universität und einer der Studienautoren, erklärt, wie Kosten in Richtung der öffentlichen Versorgung verschoben werden können. „Private Anbieter können Befunde erheben, die nicht durch deren System abgedeckt sind. Die Patienten werden dann aufgefordert, im öffentlichen Bereich Hilfe zu suchen, oder dorthin überwiesen.“

Die Studie zeigt außerdem, dass Versicherte innerhalb der öffentlich finanzierten Versorgung häufig kürzere Wartezeiten haben. Eine Erklärung dafür: Ihre Überweisungen werden öfter als vorrangig eingestuft.

Den Forschenden zufolge kann das dazu führen, dass andere Patientinnen und Patienten länger warten müssen, wenn die Kapazitäten begrenzt sind. „Die Versicherungen führen also zu mehr Inanspruchnahme öffentlicher Leistungen – anstatt das System zu entlasten.“

Weniger Primärversorgung, aber kein Ausgleich

Gleichzeitig stellten die Forschenden fest, dass versicherte Patientinnen und Patienten seltener Hausarztpraxen aufsuchen, weil sie direkt über ihre Versicherung zu Fachärzten gehen. Doch dieser Rückgang reicht bei weitem nicht aus, um die gestiegenen Ausgaben für Facharztbehandlungen, Krankenhausversorgung und Medikamente auszugleichen.

Die Befunde stellen damit ein zentrales Argument der Befürworterinnen und Befürworter privater Krankenversicherungen grundlegend in Frage – und dürften die Diskussion über Fairness und Ressourcenverteilung im Gesundheitswesen neu entfachen.

Author

  • Madeleine zählt zu den einflussreichsten Umweltaktivistinnen Österreichs. Die in Wien lebende Bloggerin hat ihren Blog zu einer umfassenden Plattform für nachhaltiges Wohnen ohne Komforteinbußen ausgebaut. Sie gibt Tipps zur Abfallvermeidung (Zero Waste) und zur Organisation des Kleiderschranks.

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